Ausstellungsinformation
KINDER
Fotografische Arbeiten von Charles Nègre, Charles Marville, Adolphe-Eugène Disdéri, Mayer & Pierson, Heinrich Kühn, Hugo Erfurth, August Sander, Lewis Hine, Alexander Rodchenko, Paul Citroen, Aenne Biermann, Annelise Kretschmer, Raoul Hausmann, Brassai, Weegee, Lisette Model, Harold E. Edgerton, Michael Ruetz, Achim Lippoth, Michael Schmidt, Rudolf Bonvie, Jochen Gerz, Astrid Klein, Christian Boltanski
Die Darstellung von Kindheit im Spiegel der Fotografie beginnend mit frühen Studiofotografien aus dem 19. Jahrhundert bis hin zu aktuellen Arbeiten aus dem Bereich Kunst mit Fotografie ist das Thema dieser Ausstellung. Sie folgt in Schwerpunkten der sich ändernden Idee von Kindheit im Spiegel der unterschiedlichen fotografischen Stile.
Jedes Kind ist ein einzigartiges Individuum, aber anders als Erwachsene sind Kinder in ihrem Verhalten oft unvorhersehbar und sich Ihrer Selbst noch nicht in dem Maße bewusst wie Erwachsene. Sie besitzen weder die Erfahrung von Vergangenheit noch einen Sinn für die Zukunft und die damit verbundene Erfahrung von Altern und Tod. Deshalb galt lange Zeit für die Kindheit das Konzept eines paradiesischen Zustands der Unschuld.
Die Vorstellung von der Einzigartigkeit jedes Kindes war jedoch im 19. Jahrhundert weniger prägend, da das viktorianische Ideal die Darstellung der Kinder als "kleine Erwachsene" forderte. Vor allem bei den "Carte de Visite" von Fotografen wie Adolphe-Eugène Disdéri und Mayer & Pierson war nicht die individuelle Wiedergabe des Kindes das Ziel, sondern die Einnahme einer vorgegebenen Haltung in einem festgelegten Rahmen.
Zudem erforderte die lange Belichtungszeit, dass die Kinder entgegen ihres Naturells längere Zeit in einer Pose verharren mussten.
Mit dem Aufkommen der Kunstfotografie um die Jahrhundertwende ändert sich die Darstellung der Kindheit. Fotografen wie Heinrich Kühn oder Hugo Erfurth gestalten Aufnahmen mit Edeldruckverfahren, die sich bewusst an die ästhetischen Ideale der Malerei anlehnen. Kinder werden nicht mehr als Erwachsene dargestellt, sondern es entstehen romantische, symbolische Darstellungen von der Kindheit als Reich der Harmonie. Der sozial dokumentarischen Fotograf Lewis Hine hingegen fotografiert für das amerikanische "National Child Labor Committee" von 1908 - ca. 1918 Kinder als Objekte wirtschaftlicher Ausbeutung.
Seit den 1920er Jahren wird unter dem Einfluss der "Neuen Fotografie" die Handhabung der Kamera intuitiver und die visuelle Grammatik um neue Perspektiven und Ausschnitte erweitert. Fotografen wie Paul Citroen, Raul Hausmann, Aenne Biermann und Annelise Kretschmer beschreiben die Kinder als spontane, emotionale Individuen. Dabei können auch Kinderportraits eine politische Komponente beinhalten, wie z.B. ein die Kinderportraits von Alexander Rodchenko, die als positives Sinnbild für das Aufstreben des Sozialismus gelesen werden können.
In Deutschland stehen die strengen Kinder-Portraits von August Sander aus den 1950er Jahren für die Sehnsucht nach der Konstanz familiärer Werte in einer geordneten Gesellschaft. Diese in der Nachkriegszeit geborene Generation sucht in der Folgezeit für sich neue Lebens- und für die Kinder neue Erziehungsformen. Ein wichtiger Begleiter dieser Zeit war Michael Ruetz mit seinen bildjournalistischen Fotografien alternativer Lebensformen Anfang der 68er Generation.
Die Kindheit ist auch eine Zeit der Einübung zukünftiger gesellschaftlicher Rollen. Dies ist das Thema bei Lisette Models "Teenage Age Beauties". Doch der dort zu findende spielerische Aspekt geht in der Adoleszenz verloren und weicht einer Phase der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Die von Michael Schmidt in den 1980er Jahre fotografierten Heranwachsenden öffnen sich nicht mehr spontan der Kamera.
Auf das "Verschwinden der Kindheit"(Neil Postman) in einer immer komplexer werdenden und von den neuen Medien geprägten Gesellschaft antworten Künstler mit vielfältigen Strategien. Eigene Fotografien oder gefundene Bilder aus den Printmedien und dem Fernsehen werden zu neuen Bildern montiert und zum Teil mit Textfragmenten kombiniert und verweisen auf die zunehmende Komplexität und den Einfluss der "zweiten" Realität, der Medien, auf unsere Lebenswirklichkeit. Jochen Gerz zum Beispiel kreiert in seiner Text/Foto Arbeit über einen Schönheitswettbewerb für Jugendliche eine "offene" Erzählung. Mit malerischen Mitteln erzeugt Astrid Klein in ihrer Arbeit einen assoziativen Raum über die Zukunftsträume von Jugendlichen.
Das die Idee von der Kindheit als einem paradiesischen Zustand nur ein Traum der Erwachsenen war belegen die Arbeiten von Achim Lippoth, Rudolf Bonvie und Christian Boltanski. Achim Lippoth dokumentiert mit seinen Farbfotografien den harten Drill chinesischer Kinderturner, deren Kindheit eher einem militärischen Trainingslager gleicht, während Rudolf Bonvie das Paradies in "So sehen heute Mörder aus" endgültig entzaubert. Bilder aus der Sensationspresse von zu Mördern gewordenen Kindern werden mit einem im Bild verlaufenden Spiegel kombiniert, der den Betrachter mit ins Bild nimmt und zum Bestandteil der Arbeit werden lässt. Christian Boltanskis Arbeit "Diese Kinder suchen ihre Eltern" bezieht sich auf die deutsche Nachkriegszeit. Diese Installation, mit Archivkartons mit aufgeklebten Fotografien von Kindern, die ihre Eltern in den Wirren des Krieges verloren haben, ist Memorial und Spurensuche zugleich. Boltanski stellt in ihr die Frage nach dem Werdegang der Kinder und sieht sich selbst in Beziehung zu ihnen: "Ich möchte Sie gerne finden. Sie sind etwa in meinem Alter und ihre Geschichte ist auch die meinige, die unsrige. Auch wir suchen unsere Eltern."